Nacht der Industriekultur — Bergwerk West fährt „ExtraSchicht“

 

Einmal durch den Stollen krabbeln und sich fühlen wie die Grubenwehr?

 

Die Vorbereitungen für die ExtraSchicht, an der Kamp-Lintfort am 06./07. Juli 2013 das erste Mal teilnimmt, laufen auf vollen Touren. Das Programm, das demnächst auf einem Flugblatt zusammengefasst sein wird, nimmt langsam aber sicher Konturen an. Schließlich wollen sich das einstige Bergwerk und die Stadt bei dieser Veranstaltung von ihrer besten Seite präsentieren.

 

Los geht es bei der ersten ExtraSchicht am linken Niederrhein am Samstag, den 06. Juli um 18:00 Uhr. Ende ist mitten in der Nacht zum Sonntag, den 07. Juli um 02:00 Uhr — schließlich hieß die ExtraSchicht einmal „Nacht der Industriekultur“, als sie vor zwölf Jahren im Ruhrgebiet aus der Taufe gehoben wurde. Mehrere Punkte auf dem Bergwerksgelände können besichtigt werden.

 

Da ist zunächst der Lehrstollen, der zurzeit von Mitgliedern der Fördergemeinschaft für Bergmannstradition und der Steigergemeinschaft West aufgeräumt und gesäubert wird. Dieser Lehrstollen ist ein Gebilde aus mehreren Strecken und Stollen, der sich auf einer Fläche von rund 50 mal 50 Metern erstreckt und nahe der einstigen Ausbildung kurz unterhalb der Erdoberfläche liegt. „Seit fast fünf Jahren wird dieser Lehrstollen nicht mehr genutzt, denn am Ende wurden in der Ausbildung des Bergwerkes keine Bergleute mehr ausgebildet, sondern nur noch Mechatroniker“, sagt Klaus Deuter, Mitglied der Fördergemeinschaft und Vorsitzender der Steigergemeinschaft West. „Es ist der einzige Lehrstollen am linken Niederrhein.“ Zur ExtraSchicht werden Gruppen von je zehn Personen durch den Lehrstollen geführt, in dem beispielsweise Kohlehobel und Panzerförderer zu sehen sind. „Wir werden zu diesem Tag über Lautsprecher die Hobel- und Fördergeräusche simulieren“, erzählt Klaus Deuter. Eine Führung dauert rund 20 Minuten. Dabei werden in einem Teil des Lehrstollens auch Grubenlampen und andere Gegenstände aus dem Bergbau zu sehen sein. „Sicherlich wird es Wartezeiten geben, weil wir nur rund 60 Personen pro Stunde den Lehrstollen zeigen können“, prognostiziert Klaus Deuter.

 

Dann ist es endlich so weit. Ohrenbetäubend ist das Geräusch, wenn der Bohrhammer in den Fels schlägt. „Kann ganz schön laut sein unter Tage“, sagt Detlef Stevens lachend. Der Bergmann erklärt den Besuchern der ExtraSchicht im Lehrstollen des Bergwerks West die vielen Werkzeuge und Maschinen, die unter Tage zum Einsatz kommen. Der 50-jährige Bergmann hat hier 1980 die Ausbildung gemacht und war bis März 2013 auf der Anlage mit Herz und Seele im Einsatz. Jetzt engagiert sich Detlef Stevens für den Verein „Fördergemeinschaft für Bergmannstradition Linker Niederrhein e.V.“, und hält die Geschichte der Bergleute mit seinen und seinem Fachwissen lebendig.

 

Vor dem Eingang zum Lehrstollen haben andere Mitglieder der Fördergemeinschaft drei Pavillons aufgebaut. An einem stellte der Maler Helmut Mank seine Bilder vor, an einem anderen verkauften Dieter Thiel und Franz Maas die Chronik 2007 – 2012, den Grubenlampen-Kalender 2014, historische Grubenlampen und diverse Bergbauartikel, und am dritten boten Mitglieder der Frauengruppe Reibekuchen und Brühwürstchen an. Unterstützt wurden sie dabei von weiteren Mitgliedern der Fördergemeinschaft.

 

In der ehemaligen Ausbildung präsentiert sich die Hochschule Rhein-Waal. Karsten Nebe, Professor für Informatik, hat mit seinen Studenten spannende Spielereien vorbereitet. So können ExtraSchichtler zum Beispiel einen virtuellen Rundgang durch das Kloster Kamp oder eine Fahrt in den Bergwerksstollen erleben. Rolf Becker, Professor für Physik mit dem Schwerpunkt Sensorik und Mechatronik lässt einen Oktokopter, einen High-Tech-Helikopter zur Produktion professioneller Videos, über das Gelände fliegen.

 

André Thissen war ebenfalls viele Jahre als Bergmann in Kamp-Lintfort im Einsatz. Er startet nun seine zweite Karriere als Fotokünstler und zeigt in der Lohnhalle eine Auswahl seiner großformatigen Werke.

 

Rolf Battisti wird noch bis Ende der Jahres bei der Grubenwehr arbeiten. „Wir sind noch 40 Leute und werden die Türen der Zeche zuschleißen“, erzählt er. Bei der ExtraSchicht zeigt er den Besuchern, mit welcher Ausrüstung die Grubenwehr arbeitet und lädt Sie ein, durch den Übungsstollen zu krabbeln. Helm auf! Die Gänge sind ziemlich eng.

 

Auf zwei Bühnen gibt es Kabarett und Musik. Viele Kamp-Lintforter Vereine und zahlreiche Schülerinnen und Schüler tragen bei der ExtraSchicht dazu bei, ein abwechslungsreiches Programm zu präsentieren. Auf der Stadtwerke-Bühne am Förderturm sind die Tänzerinnen und Tänzer des Tanzclubs Kamp-Lintfort zu sehen. „Kamp-Lintfort ist der erste linksrheinische Standort der ExtraSchicht und etwas weiter entfernt von den anderen Spielorten im Ruhrgebiet. Ich glaube, dass sich die Gäste hier den ganzen Abend bestens unterhalten können“, verspricht Andreas Iland vom Stadtmarketing. Viele Vereine und Freiwillige hätten sich wochenlang viel Mühe gegeben, um die erste ExtraSchicht in Kamp-Lintfort auf die Beine zu stellen, so Iland.

 

Kamp-Lintfort ist eine von 25 Städten, die zur Nacht der Industriekultur mit rund 450 Veranstaltungen an über 50 Spielorten im gesamten Ruhrgebiet eingeladen haben.

 

Mit einem so großen Besucherandrang am Spielort Bergwerk West haben selbst die Optimisten nicht gerechnet. Überall war Begeisterung bis tief in die Nacht zu spüren. Der Wettergott hatte es gut gemeint mit den Besuchern und so entwickelte sich die erste linksrheinische ExtraSchicht mit 4.700 gezählten Besucherinnen und Besuchern am Einlass zum Förderturmgelände und rund 3.500 am Veranstaltungsbereich Ausbildung und Lehrstollen zum Publikumsmagneten. Insbesondere die langen Warteschlangen vor den Führungen auf den Förderturm von Schacht 1 bzw. in den Lehrstollen verlangten den Besuchern mitunter viel Geduld ab.

 

Noch nie zuvor öffnete ein Bergwerk so kurz nach Fördereinstellung seine Tore zur ExtraSchicht. „Unser großer Dank gilt dem Werksleiter Karl-Heinz Stenmans und seinen engagierten Mitarbeitern, die die erste ExtraSchicht in Kamp-Lintfort erst möglich machten!“, findet Bürgermeister Prof. Dr. Christoph Landscheidt anerkennende Worte. „Bei den Führungen haben die Kumpel dafür gesorgt, dass eine besonders authentische Atmosphäre zu spüren war. Gerade die Führungen haben viele neugierige Besucher angezogen.“

 

Die Friedrich-Heinrich-Allee war am Abend und in der Nacht der ExtraSchicht die Kamp-Lintforter Flaniermeile. Ab Einbruch der Dunkelheit sorgten die illuminierten Fassaden der altehrwürdigen Backsteingebäude zusätzlich für eine stimmungsvolle Atmosphäre.

 

Die Besucher erlebten ein abwechslungsreiches Kulturprogramm und viel Sehenswertes aus dem Bergbau. „Wer nicht unbedingt noch einen zweiten oder dritten Spielort der ExtraSchicht besuchen wollte, fühlte sich auch in Kamp-Lintfort acht Stunden lang bestens unterhalten“, sind sich die Organisatoren der Veranstaltung, Petra Niemöller (Kulturbüro) und Andreas Iland (Wirtschaftsförderung und Stadtmarketing), sicher.

 

Wir freuen uns schon auf die ExtraSchicht 2014.

 

 

Quelle:

- WDR

- Stadt Kamp-Lintfort

- Rheinische Post vom 11. April 2013