Franz Haniel (1779 – 1868)

 

Um zu der Schlussfolgerung zu gelangen, Unternehmergeist sei Franz Haniel schon in die Wiege gelegt worden, muss man nur auf die Geschichte seiner Familie schauen.

 

Ruhrort, 1905 mit Duisburg vereinigt und heute gemeinsam mit ihm der größte Binnenhafen Europas, war im 18. Jahrhundert eine kleine, wenig behutsame preußische Stadt: Hier lebte mit seiner Familie der preußische Lizenz- und Rheinzoll-Beseher Jan Willem Noot, der auch Bürgermeister des kleinen Städtchens war. Zudem betrieb er eine Waren- und Lagerhaltung, vorwiegend mit Kolonialgütern, Kaffee, Zucker, Gewürzen, und ein Transportgeschäft. 1756 ließ er vor den Toren der Stadt das große Noot`sche Wohn- und Packhaus erbauen und von da einen Kanal zur Ruhr ausheben, um die Waren leichter, schneller und kostengünstiger von und zu den Schiffen transportieren zu können.

 

Seine Tochter Johanna Sophia Aletta heiratete 1761 den Duisburger Kaufmann Jacob Wilhelm Haniel, der Inhaber einer Weinhandlung mit angeschlossener Spedition war. Das junge Paar lebte im großen Noot`schen Haus, und Jan Willem Noot bewog den Schwiegersohn, seinen Handel nach Ruhrort zu verlegen. Dadurch konnten Handel und Spedition ausgeweitet werden.

 

Nach dem Tode Jan Willem Noots übernahm Haniel das Handelsgeschäft. Als er bereits 1782 starb, lebten von den elf Kindern des Ehepaares Haniel nur mehr vier, und die Witwe führte das Unternehmen unter dem Namen „Jb. Wm. Haniels seel.Wittib“ allein weiter.

 

Sie handelte, wie Vater und Ehemann, mit Kolonialwaren und Wein, baute Spedition und Lagerung aus und mietete weitere Lagerräume an. Darüber hinaus begründete sie das Exportgeschäft mit Ruhrgebietserzeugnissen, vor allem nach Holland und Frankreich. 1792 übernahm sie für die Sterkrader Hütte „Gute Hoffnung“, damals noch in Krupp-Besitz, die Spedition von Kriegsmaterial an Österreich und Frankreich, und ab 1793 speditierte sie die gesamte Produktion der Hütten „St. Antony“ und „Neu-Essen“.

 

Außerdem stieg sie in den einträchtigen Kohlenhandel ein. Als ein neuer Damm den Wasserweg zwischen Packhaus und Ruhr abschnitt und ihre Anträge auf eine Kohlenniederlage direkt am Wasser mehrfach abgelehnt wurden, wandte sie sich 1800 in einem siebenseitigen Brief an den preußischen König Friedrich Wilhelm III. persönlich, mit dem Erfolg, dass sie noch im selben Jahr eine Kohlenniederlage am Ruhrorter Hafen erhielt und den Kohlenhandel erweitern konnte.

 

Johannes Franciscus (Franz) war das jüngste Kind seiner Eltern und beim Tode des Vaters noch keine drei Jahre alt. So wuchs er unter der Erziehung seiner Mutter heran, die großen Wert auf gute Bildung legte, ganz im Stil der Zeit, auch Französisch-, Tanz-, Geigen- und Flöten-Unterricht gehörten.

 

Im Alter von 15 musste er die Schule verlassen, um im Kontor der Firma auszuhelfen, und ab 1796 war er dort angestellt. Im Jahr 1798 ging er zur weiteren Ausbildung in ein Mainzer Handelshaus, kehrte aber schon nach gut einem Jahr auf Wunsch der Mutter nach Ruhrort zurück.

 

Ehe er also 1809 seinen Teil der mütterlichen Firma übernahm, hatte er in ihrem Kontor auf die bestmögliche Art Kaufmanns- und Wirtschaftskenntnisse erworben. Er war Zeuge, wie seine Mutter mit starkem Willen und unternehmerischem Gespür die Firma nicht nur weiterführte, sondern wie sie die bestehenden Unternehmenszweige ausbaute, neue Zweige, Export und Kohlenhandlung, aufnahm und sich gegen Konkurrenten zu behaupten wusste.

 

Als er dann aus dem mütterlichen Erbe seine eigene Firma gründete, war er genau der richtige Mann zur richtigen Zeit. Er sah und ergriff die Chancen der boomenden Industrialisierung und der neuen technischen Möglichkeiten durch Dampfmaschinen und erkannte den Vorteil, möglichst viele Zweige einer Wirtschaft in einer Hand zu vereinigen.

 

So ging er daran, zum Teil als eigene Firma, zum Teil gemeinsam mit dem Bruder Gerhard und den Schwägern Jacobi und Huyssen, durch Kauf oder Neugründungen ein Industrie-Imperium aufzubauen, das von der Rohstoffgewinnung über die Rohstoffverarbeitung bis zum Verkauf der Produkte und ihren Transport mit firmeneigenen Transportmitteln alle Zweige abdeckte.

 

Zu den Haniel-Unternehmen gehörten:

     — eine Werft, die die neuartigen, mit Dampfmaschinen angetriebenen Schiffe  

         baute,

     — eine Reederei mit Ruhr- und Rheinschiffen,

     — eine Spedition,

     — eine Kohlenhandlung,

     — Erzgruben,

     — Hochöfen,

     — Walzwerke,

     — die „Gutehoffnungshütte“ / JHH / später GHH.

         Sie ging hervor aus dem Kauf der Hütten „St. Antony“ und „Neu-Essen“ und

         dem etwas späteren Erwerb der Hütte „Gute Hoffnung“. Teilhaber waren

         Jacobi, die Brüder Haniel und Huyssen, JHH. Der Volksmund deutete das

         spätere GHH als Gehört Hauptsächlich Haniel.

     — Kohlengruben

         „Zollverein“

„Rheinpreußen“.

 

Im Kohlenbergbau kommt Haniel größte Bedeutung zu: Auf dem Gebiet wurde er gleich zwei Mal zum Pionier.

 

Als erster versuchte er, gegen den Rat aller Fachleute, Senkrechtbohrungen und hatte damit Erfolg. 1834 durchdrangen in Essen seine Senkrechtbohrungen die als undurchdringlich geltende Mergelschicht und erreichten die Fettkohlenflöze. Damit begann die Ära einer neuen Technik im Bergbau.

 

In der Fachwelt galt es als gesichert, dass der Rhein den Abschluss der kohleführenden Schichten bildete. Haniel aber beantragte 1851 eine Konzession auf linksrheinischem Gebiet und wurde mit seinen Bohrungen 1854 fündig. Zwar erlebte er die erste Kohleförderung auf dem Grubenfeld Rheinpreußen 1875 nicht mehr, doch war er mit seinem Wagemut zum Begründer des Kohlebergbaus am linken Niederrhein geworden.

 

Haniel war sich seiner sozialen Verantwortung als Unternehmer bewusst. 1832 begann er mit der Einrichtung von Unterstützungskassen für die Arbeiter, die diese bei Krankheit oder Unfall absicherten, und er ließ Wohnsiedlungen für die Stammbelegschaft errichten.

 

In seinem Heimatort Ruhrort war er Initiator oder Unterstützer zahlreicher Projekte zur Entwicklung der Stadt. Natürlich spielten bei seinem Einsatz für den Ausbau des Hafens, für den Anschluss an das Eisenbahnnetz und für seine Fährverbindung über den Rhein zwischen Ruhrort und Homberg auch Unternehmensinteressen eine Rolle; aber sein Engagement kam allen Einwohnern und ansässigen Firmen zugute.

 

Damit Franz Haniel nun nicht nur als hehre Lichtgestalt erscheint, genialer Unternehmer, sozialbewusster Kapitalist, aufs Gemeinwohl bedacht, sondern Mensch bleibt, sei am Rande bemerkt, dass er Mitglieder der Familie im Interesse des Unternehmens gezielt auf dem Heiratsmarkt einsetzte. So verheiratete er seine Nichte mit dem englischen Konstrukteur Nicholas Harvey, Mitarbeiter beim Dampfschiffbau, und ihn an das Unternehmen zu binden. Seinen Sohn Max verband er mit der Tochter des Lütticher Industriellen Cockerill, der ein möglicher Konkurrent bei den Dampfschiffen auf dem Rhein gewesen wäre.

 

Es sei auch nicht verschwiegen, dass er Illegales tat, als das gute Gewinne einbrachte. Während der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre (1806 – 1812/13) beteiligte er sich am äußerst lukrativen Getreideschmuggel nach England.

 

Franz Haniel war seit 1806 mit Frederike Christine verheiratet, einer Tochter des Essener Ratsherren Huyssen. 1866 konnte das Ehepaar Haniel das in seiner Zeit sehr seltene Fest der diamantenen Hochzeit feiern. Von den elf Kindern, zehn Söhnen und einer Tochter, überlebten nur sechs die Eltern. Frederike starb 1867, Franz ein Jahr später.

 

Zwei historische Kriminalromane, die in den 1850-er Jahren in Ruhrort spielen, haben in Haniel den idealen Partner für dichtes Lokalkolorit. Die Mitglieder der Familie und das Unternehmen sind für den Gang der Handlung ohne Belang, für die Atmosphäre um so bedeutender. Das Unternehmen bildet wichtige Elemente des Hintergrundes mit Schiffen, Hafenanlagen, Produkten. Franz Haniel tritt als mitfühlender alter Freund auf; Franz und „Fritze“ erscheinen als liebenswertes, älteres Ehepaar, und der Leser erfährt ganz nebenbei Dinge, die selbst dem heimatkundlich interessierten Niederrheiner nicht unbedingt bekannt sind. Oder wussten Sie, dass der Protestant Haniel der katholischen Gemeinde in Ruhrort eine Kirchenglocke gestiftet hat?

● Silvia Kaffke: Das rote Licht des Mondes, 2008

● Silvia Kaffke: Das dunkle Netz der Lügen, 2010.

 

 

 

Literaturverzeichnis:

 

Franz Haniel (1779 – 1868)

Industriepionier

Rheinische Geschichte

www.rheinische-geschichte.lvr.de , 31.01.2011

 

 

Franz Haniel (1779 – 1868)

Route Industriekultur

www.route-industriekultur.de , 31.01.2011

 

 

Franz Haniel

aus Wikipedia

www.de.wikipedia.org. , 31.01.2011

 

 

Haniel

Unternehmerfamilie

aus Wikipedia

www.de.wikipedia.org. , 31.01.2011

 

 

Franz Haniel & Cie.

aus Wikipedia

www.de.wikipedia.org. , 31.01.2011

 

 

Herz, Dietmar

Franz Haniel (1779 – 1868)

Zum Namensgeber des Franz Haniel Chair for Public Policy

Internet, ohne Angaben

 

 

Köhler-Lutterbeck, Ursula

Siedentopf, Monika

Frauen im Rheinland, 2001