Wolfgang Küppers Motorrad

 

Der Winter neigt sich seinem Ende entgegen; die Tage werden allmählich und langsam länger und heller. Nun ist die Zeit gekommen, da Motorrad-Besitzer ihre Maschinen aus dem Winterquartier holen, die schützenden Planen abnehmen und anfangen zu ölen, zu schrauben, zu polieren, Elektrik und Reifen zu überprüfen, und ab einem sonnigen Märztag ist es so weit: Motorräder schnurren, röhren, donnern wieder über die schönen, oft so verführerisch langen geraden Landstraßen – viele davon durch Napoleon angelegt – am Niederrhein.

 

Und ab dem Tag häufen sich in den Tageszeitungen die Berichte von schweren Motorrad-Unfällen, von denen manche der Holzkreuze an den Straßenrändern trauriges Zeugnis ablegen.

 

Bei uns sitzt Wolfgang Küppers, Besitzer einer Yamaha-Virago, Ganzjahres-Fahrer. Was sagt er zu den Unfällen? Natürlich gibt es unter Motorrad-Fahrern, wie unter allen Teilnehmern am Straßenverkehr, Leichtsinnige, die dem Image der Maschinen — Feuerstühle, heiße Öfen — und dem Image der Motorradfahrer — harte starke Kerle, Draufgänger-Typen — meinen gerecht werden zu müssen durch riskante Geschwindigkeiten und gewagte Überholmanöver. Aber das ist eine Minderheit; die Mehrheit der Motorradfahrer verhält sich durchaus vernünftig im Verkehr. Gefahr droht ihnen von Schlaglöchern, Ölflecken oder Hindernissen auf der Fahrbahn und von Autofahrern, die ihre Geschwindigkeit unterschätzen, ihnen die Vorfahrt nehmen oder sie schneiden.

 

Und was ist mit dem Schutz des Heiligen Christopherus oder gar mit dem des lieben Gottes selbst? Auf vielen Maschinen ist irgendwo eine Plakette des Heiligen Christopherus angebracht, und jedes Jahr findet in Kevelaer eine Motorrad-Prozession mit Segnung der Fahrer und Maschinen statt. Wolfgang Küppers nimmt daran nicht teil, sagt aber, wem das gefällt, der mag es gerne tun.

 

Ein türkisches Sprichwort lautet: „Vertrau deine Kamele der Obhut Allahs an, aber zuvor binde sie an einen Baum“, und wir sagen, weniger poetisch: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“ Gesundes Gottvertrauen ist gut, ersetzt aber keineswegs die eigene Vorsicht und Umsicht, das heißt, ein Motorradfahrer muss darauf achten, dass er selbst und seine Maschine immer topfit sind. Die Maschine muss regelmäßig überprüft und gewartet werden, und der Fahrer muss sich gesund und den besonderen Anforderungen gewachsen fühlen.

 

Bei Autos ist in den letzten Jahren viel für die Sicherheit entwickelt worden: Airbags, ABS, ESB. In Wagen der Luxus-Klasse erreicht man per Knopfdruck direkt einen Service-Dienst des Herstellers. Bei Motorrädern sind die Möglichkeiten, die Sicherheit zu erhöhen, sehr beschränkt. Außer ABS kann man nichts weiter einbauen.

 

So besteht der Schutz in erster Linie in der Kleidung: Motorradstiefel, Helm, Handschuhe, ausgepolsterte Jacken und Hosen, die auch stets korrekt angelegt und getragen werden müssen. Als große Hilfe empfindet Wolfgang Küppers zudem sein Navigations-Gerät. Es lotst ihn sicher durch unbekannte Landschaften und Städte; er braucht nicht Ausschau zu halten nach Hinweis- und Straßenschildern, sondern kann sich voll auf den Verkehr und seine Maschine konzentrieren.

 

Er unternimmt allein oder mit einem Freund Ausflüge und auch mehrtägige Touren. Die Mitnahme entsprechend benötigter Kleidung und Einkäufe unterwegs — Riesling-Wein von der Mosel, Trappisten-Bier aus Belgien — stellen kein Problem dar. Er hat seine Maschine transportfreundlich ausgerüstet mit einem Top-Case und zwei Koffern, so dass er über 120 l Packraum verfügt; das entspricht dem eines kleinen PKW.

 

Und was macht für ihn die Faszination des Motorradfahrens aus, was ist anders, schöner als das Fahren eines Autos? Er fühlt sich unabhängig; er genießt die freie Luft, die Sonne, den Wind; das Motorengeräusch klingt seinen Ohren höchst angenehm, und die Kumpanei unter den Motorradfahrern ist immer ganz ungezwungen und spontan. Wo immer Motorradfahrer, einander gänzlich fremd, aufeinander treffen, entspinnt sich sofort ein lebhaftes Gespräch über das Woher und Wohin, die Maschine, die Ausrüstung, den Verkehr; Erfahrungen werden ausgetauscht und Tipps gegeben.

 

Motorradfahren ist Freizeit, Vergnügen, für die das Geld verdient werden muss beziehungsweise musste. Wolfgang Küppers hat zwei ganz unterschiedliche Berufsleben hinter sich. Er wurde 1938 im Bergischen Land geboren und empfand schon als Kind die Armut dieser Region als bedrückend und wusste, dass er von dort fort wollte. Er folgte einer Anwerbung für den Bergbau, wurde Lehrling, Knappe, Hauer, Schießmeister und Grubensteiger und arbeitete in 15 Jahren Bergbau auf vielen Zechen, Westende in Duisburg, Dahlbusch in Gelsenkirchen, Rheinpreußen V in Moers-Utfort (Dort tätigte er die größte Sprengung seiner Laufbahn: 120 m²! Beim Montblanc-Tunnel, der zur gleichen Zeit gesprengt wurde, waren es „nur“ 90 m².), dann auf Zechen im Saargebiet und in Bayern und wieder im Ruhrgebiet: Pattberg in Moers-Repelen, Monopol in Bergkamen, Sachsen in Hamm.

 

Er war seit 1958 verheiratet, hatte zwei Söhne, und bei diesen oft wechselnden Arbeitsstätten, bedingt durch sein Fachgebiet Ausrichtung, kam die Familie entschieden zu kurz. Die Kohlenkrise tat ein Übriges, und so machte er einen klaren Schnitt, bewarb sich beim Zoll und fing dort ganz von vorne an. Er begann im mittleren Dienst bei der Zollaufsicht in Emmerich, wechselte nach einem Studium in die Oberfinanzdirektion Köln, anschließend zum Finanzministerium in Bonn. Seine Erfahrungen aus dem Bergbau hat er in seinem zweiten Beruf gut einsetzen können. Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, eingreifen, wenn´s nötig ist, das kam ihm im Außendienst und später in der Verwaltung sehr zugute.

 

Die Familie Küppers wohnte in Köln. Von dort machte sie oft Ausflüge an den Niederrhein, und nach der Pensionierung beschlossen Wolfgang Küppers und seine Frau — die Söhne waren ja längst aus dem Haus — ganz an den Niederrhein zu ziehen. Für Ehefrau Erika war das quasi eine Heimkehr: sie ist Meerbeckerin.

 

Zu ihrem Wohnort machten sie Baerl, und durch den Moerser Geschichtsverein, dem Wolfgang Küppers beitrat, fand er zurück zum Bergbau, durch Aufarbeitung der Geschichte der Bergschule Moers, die er selbst besucht hat, durch seinen Eintritt in die Fördergemeinschaft für Bergmannstradition Linker Niederrhein e.V., für die er z. B. in Bendisberg/Eifel tatkräftig im Einsatz war, und durch sein Engagement auf Rheinpreußen IV. Er macht dort Führungen, oft verbunden mit einer Grafschafter Kaffeetafel. Für die kauft er selbst alles Nötige ein und deckt die Tische, Geschirr und Bestecke akkurat ausgerichtet. Dass die Tafel „schön“ aussieht, ist ihm ebenso wichtig wie die Qualität und Vielfalt der typischen Zutaten. Genau so verfährt er beim „Bergdank“, zu dem er einmal im Jahr einlädt.

 

Wolfgang Küppers ist ein Mann vieler Interessen und Talente, und so verwundert es kaum, dass er auch Klavier spielt — „nur für mich selbst“ — und Mitglied des Männergesangvereins Constantia Baerl ist. Ob er wohl manchmal unterwegs auf dem Motorrad zur Melodie seines Motors den zweiten Bass summt?

 

Wir haben vergessen, ihn das zu fragen; aber wir vergessen nun zum Abschluss nicht, ihm allzeit gute Fahrt zu wünschen auf schönen Touren mit interessanten Begegnungen und Erlebnissen!