Wilfried Leisen Betreuung älterer Menschen

 

Im Jahre 2003 wurde Wilfried Leisen von der damaligen Landrätin des Kreises Wesel, Frau Birgit Amend-Glantschnig, eine Urkunde verliehen „in Anerkennung des besonderen freiwilligen Engagements“. Wofür engagiert er sich freiwillig? Er betreut ältere Menschen. Und warum macht er das? Die Begründung liegt in seiner eigenen Lebensgeschichte.

Wilfried Leisen wurde 1937 in Homberg geboren. 1955 ließ er sich auf der Schachtanlage Friedrich Heinrich anlegen, durchlief den üblichen Werdegang eines Bergmanns: Lehrling, Knappe, Hauer und war dann vorwiegend im Streckenvortrieb tätig. 1989 musste er sich zum zweiten Mal einer Bandscheiben-Operation unterziehen, und das medizinische Urteil danach lautete: Ende des Berufslebens. Es war, sagt er, als habe ihm jemand mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Vor ihm tat sich eine große Leere auf.

Im Anschluss an den Krankenhaus-Aufenthalt musste er für drei Monate zur Kur, und eine Ärztin, mit der er über seine Zukunft sprach, machte ihm den Vorschlag, alte Menschen zu betreuen. Es gäbe in den Altenheimen so viele ältere Menschen ohne Angehörige. Das war der rechte Rat zur rechten Zeit; denn was Alleinsein bedeutete, wusste Wilfried Leisen aus eigenen Kindheitstagen. Sein Vater war im Krieg gefallen ― er kann sich an ihn nur durch einen einzigen Heimaturlaub erinnern ―, Mutter und Schwester kamen bei Bombenangriffen in Moers ums Leben, und so wurde er in einem Heim untergebracht. Andere Kinder dort bekamen mal einen Brief oder ein Päckchen; er bekam nichts; er war traurig und allein.

Nach der Rückkehr aus der Kur nahm er 1989 sogleich eine ehrenamtliche Tätigkeit im AWO-Altersheim in der Markgrafenstraße auf. Er ging täglich ins Heim und sah dort viel Leid, körperliches und seelisches. Von körperlichen Leiden konnte er die Menschen nicht befreien; ihre seelischen versuchte er mit seinen Mitteln zu lindern. Aber die emotionale Belastung, die seine Tätigkeit mit sich brachte, konnte er auf Dauer nicht verkraften. Vor zwei Jahren musste er eine Kur antreten, und dort wurde ihm dringend nahe gelegt, sein Engagement einzuschränken.

Seither geht er nur noch zwei Mal in der Woche ins Altenheim, jetzt in das Caritas-Haus St. Hedwig. Bei gutem Wetter spaziert er mit Bewohnern durch den Park; wenn sie im Rollstuhl sitzen, fährt er sie durch die Anlage. Bei schlechtem Wetter spielt er mit ihnen Karten oder andere Gesellschaftsspiele. Bei Nachbarn und Bekannten sammelt er Zeitschriften, um sie den alten Menschen zu bringen. Vor allem aber schenkt er ihnen seine Zeit und hört sich ihre Geschichten an, die oftmals deprimierend sind, wenn Kinder sich nicht mehr um Vater oder Mutter kümmern. Wilfried Leisen kann es nicht ertragen, wenn Menschen traurig sind oder weinen. Er ist nicht nur mitleidig; er leidet mit. Er nimmt die Menschen dann in den Arm, erzählt ihnen, das Leben sei wie das Wetter, auf Regen folge auch wieder Sonnenschein, und versucht sie abzulenken. Wenn ihm das gelingt und er ihre Erleichterung und Dankbarkeit spürt, dann ist das für ihn mehr als Lohn genug, wertvoller als jeder Euro.

Seine alten Kumpels, mit denen er sich jeden Freitag zum Baden auf der Zeche trifft, zeigen nicht viel Verständnis für seine Tätigkeit. Aber seine eigene Familie, das sind seine Frau, ein Sohn, eine Tochter und vier Enkelkinder, lassen ihn gewähren, auch wenn sie selbst gelegentlich etwas zurückstehen müssen. Und Reinhard Fox, der Bergwerksdirektor des Bergwerks West, hat ihn, um ihn zu ehren, für den Oktober 2008 zu einer Grubenfahrt eingeladen, die er eigentlich seines Alters wegen nicht mehr antreten dürfte ― die Altersgrenze für Grubenfahrten liegt bei 60 Jahren.

 

Anerkennung, ob sie von den Betreuten selbst, der Heimleitung, der Landrätin oder dem Bergwerksdirektor kommt, tut Wilfried Leisen gut und gibt ihm Kraft. Er wird sich um alte Menschen kümmern, solange Körper und Seele den Belastungen standhalten.