Norbert Wuttke Sänger

 

Das Geburtsjahr 1937 im Verein mit dem Wohnort Lamsdorf in Oberschlesien verheißt nichts Gutes, und so entwickelte sich daraus auch für Norbert Wuttke ein dramatisches und sehr trauriges Kinderschicksal im Kriegs- und Nachkriegsdeutschland.

Sein Vater war als Soldat in Russland; seine Mutter mit ihm und seiner Schwester und die Schwester der Mutter mit Sohn und Tochter flohen 1945 vor den anrückenden Russen. Mutter, Tante und Cousine wurden auf der Flucht erschossen; drei Kinder blieben allein zurück, flüchteten weiter und überlebten bei einem deutschen Bauern in der Nähe der tschechischen Grenze. Nach der deutschen Kapitulation zogen sie heim, Richtung Osten, zu den Großeltern mütterlicherseits in Kleuschnitz.

 

1946 kamen die Polen nach Oberschlesien; sie brachten viele Deutsche in Lager, auch den Cousin. Als die Großeltern starben, nahm eine deutsche Nachbarfamilie die Wuttke-Kinder auf. Sie alle wurden aber noch 1946 aus nunmehr Polen ausgewiesen, und so landete die Familie mit den Kindern im Auffanglager Schillig-Hörn im Kreis Friesland, einem ehemaligen Marinelager.

 

Die Familie hatte die Kinder zwar aufgenommen, behandelte sie aber äußerst hart und demütigend. Erleichterung trat erst ein, als der Vater 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft freikam und mit seinen Kindern im Lager eigene Räume beziehen konnte.

 

In all den Wirren hatten die Kinder dennoch die Schule besucht, Norbert Wuttke zunächst kurz noch in Oberschlesien, dann in Schillig-Hörn. Als seine Schulzeit beendet war, erhob sich die Frage: was nun? Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Region waren rar, und so folgte er, wie viele andere junge Männer aus dem Kreis Friesland, dem Ruf des Ruhrbergbaus, der um Arbeitskräfte warb. Nach der letzten Tauglichkeitsprüfung in Essen konnte sich jeder Bewerber eine Zeche aussuchen. Norbert Wuttke entschied sich für Friedrich Heinrich in Kamp-Lintfort. Beide kannte er natürlich überhaupt nicht; aber die Namen klangen gut. Das tun sie für ihn noch heute; er hat seine Entscheidung nie bereut.

 

Und nie wird er seinen ersten Arbeitstag, den 24. Juni 1952, vergessen. Als er die Zechenbrücke herunterkam, setzte sich auf der Friedrich-Heinrich-Allee gerade der Trauerzug in Bewegung, der sieben der acht tödlich verunglückten Bergleute – der achte wurde in seine Heimat überführt – zum Friedhof auf dem Dachsberg geleitete, Opfer des schwersten Gruben-Unglücks, das Friedrich Heinrich jemals betroffen hat.

 

In seinem ersten Jahr als Berglehrling durchlief Norbert Wuttke die Werkstätten über Tage auf Norddeutschland. Dann wurde er ins Lehrrevier auf Friedrich Heinrich verlegt. 1955 bestand er die Knappenprüfung, 1957 die Hauerprüfung. Er arbeitete im Gedinge vor Kohle. Als die Zeche Elektriker brauchte, ließ er sich von 1962 bis 1964 zum Grubenelektriker umschulen und war fortan als Elektriker auf Schacht 4 in Hoerstgen, vorwiegend im Flöz Anna, tätig.

 

Ab 1975 war er freigestelltes Betriebsratsmitglied, ab 1980 Knappschaftsältester und ab 1982 erster Vorsitzender der Ortsgruppe Gestfeld der IGBE, später IGBCE.

 

Eine schwere und langwährende Erkrankung machte 1989 einen Abschied vom Arbeitsleben sinnvoll und notwendig, und darum fiel er ihm nicht schwer; aber das Gefühl der Verbundenheit ist immer da. Jeden Morgen sieht er aus seinem Fenster zum Schacht hinüber; sie grüßen einander.

 

Kehren wir aber zurück zu seinen Anfängen in Kamp-Lintfort. Zunächst lebte er im Don-Bosco-Heim. Ein Bergmann, der mit seiner Familie in der Nachbarschaft wohnte, schlug ihm vor, ihn zu einer Chorprobe des Knappen-Gesangvereins Friedrich Heinrich, gegründet 1912, zu begleiten. Das war der Beginn der Sänger-Laufbahn des Norbert Wuttke. 1953 wurde er Mitglied des Chores im 1. Tenor; seit ca. 20 Jahren, nach einer Stimmband-Operation, singt er im 2. Bass.

 

Leiter des Knappenchores und zugleich Dirigent des Werksorchesters Friedrich Heinrich war 1953 Heinrich Lausch. Jeden Sonntagmorgen um 09:00 Uhr fanden bei „Rauchschwalbe“ die Chorproben statt. Samstagsabends gingen die jungen Männer zum Tanzen, und es war manches Mal nicht ganz einfach, munter und stimmgewaltig früh am folgenden Morgen vor Heinrich Lausch zu stehen!

 

Norbert Wuttke wurde Ende der 1950-er Jahre in den Vorstand des Chores gewählt. Seit 1971 bis heute ist er der Kassierer. Er ist 1. Offizier des Fahnenkommandos, das bei der Beisetzung tödlich Verunglückter – bis in die 1970-er Jahre gab es diese tragischen Unfälle auf der Zeche – die Fahne im Trauerzug trug und über dem Grab schwenkte.

 

Die Fahne wurde 1952 geweiht und hängt in der Lohnhalle des Bergwerks West. Sie zeigt das Motto des Chores: „In Freud und Leid zum Lied bereit“. Vor ca. 20 Jahren musste sie restauriert werden. Nun wartet sie auf die Feier zum 100-jährigen Bestehen des Knappen-Gesangvereins Friedrich Heinrich im Jahre 2012.

 

Wie sieht Norbert Wuttke die Zukunft des Chores? Er sieht sie eher düster. Der Chor hat zur Zeit 32 Sänger; das Durchschnittsalter liegt bei 70/71 Jahren. Der Nachwuchs bleibt, wie bei einigen der elf noch existierenden Knappenchöre im Ruhrgebiet, aus. Werbekampagnen haben daran nichts geändert. Ausländer haben sich, trotz ihres hohen Anteils an der Zechen-Belegschaft, nie beim Chor eingefunden.

 

Von der eher ungewissen Zukunft in die aktive Gegenwart: Der Chor tritt bei seinen 35 bis 40 Auftritten pro Jahr immer im Bergkittel auf, und sein Repertoire ist riesengroß: Bergmannslieder natürlich, Lieder zu traurigen, feierlichen und fröhlichen Anlässen, Lieder zu Frühling, Sommer, Herbst und Winter, Jagd- und Weihnachtslieder, Heimat-, Trink- und Wanderlieder. Ein Lieblingslied kann Norbert Wuttke gar nicht nennen; er singt sie alle gern! Und „Glück auf, der Steiger kommt“, das Lied, das der Chor bei nahezu jedem Auftritt singt, wie viele hundert, gar tausend Mal hat er es gesungen? Hängt es ihm, mit Verlaub zu fragen, nicht allmählich zum Halse heraus? Oh nein! Es ist für ihn immer aufs Neue herzbewegend und schön!

 

Norbert Wuttke tat und tut viel für den Chor; aber er verdankt ihm auch viel: sein Ehe-, Vater- und Großvater-Glück! Seine Frau Dagmar ist die Tochter des ehemaligen 1. Vorsitzenden des Knappen-Gesangvereins. Sie heirateten 1963 und sind Eltern von zwei Söhnen und Großeltern von vier Enkelkindern.

 

Gesundheitlich hat Norbert Wuttke mit etlichen Beeinträchtigungen zu leben; aber seine positive Grundeinstellung hilft ihm, damit nicht nur fertigzuwerden, sondern sich trotzdem am Leben zu erfreuen und es zu genießen, mit seiner Frau alle schönen Sommertage lang im Schrebergarten, im Wohnmobil eines Sohnes in Hoek van Holland und auf anderen Urlaubsreisen, bei Radtouren und Spaziergängen. Zeitlich bestimmend bei allen Plänen ist immer der Knappenchor mit seinen Terminen, und dem Chor wird er die Treue halten, solange der existiert und er singen kann.

 

Und wenn Sie, verehrte Leser – die Damen sind in diesem Fall ja leider ausgeschlossen –, nun Lust bekommen haben, im Knappen-Gesangverein Friedrich Heinrich mitzusingen, so folgen hier für Sie zwei nützliche Informationen:

● Chorleiter: Peter Stankowiak

                     Telefon: 02842 – 50440

● Chorprobe: jeden Dienstag

                     18:15 – 19:45 Uhr

                       „Altes Casino“, Ringstraße, Kamp-Lintfort.