Jürgen Paul Greifvögel

 

Mancher Mensch hat einen Vogel — Jürgen Paul hat viele Vögel!

 

Er wurde 1939 geboren und wuchs in Kamp-Lintfort auf. Anders als sein Vater, der als Lohnbuchhalter auf Friedrich Heinrich beschäftigt war, entschied er sich für eine Laufbahn unter Tage und begann 1956 auf dem Bergwerk eine Lehre als Betriebsschlosser. Ab 1959 arbeitete er unter Tage als Schlosser und konnte so einer Einberufung zur Bundeswehr entgehen. Es folgten, neben der Arbeit auf der Zeche, fünf Jahre Bergschule in Moers, und 1965 stellte das Werk ihn als Maschinensteiger unter Tage an, Spezialgebiet Streckenvortriebsmaschinen.

 

1979 wurde ihm eine Stelle zur Aus- und Fortbildung für Bergleute und Maschinenleute angeboten, und nachdem er sichergestellt hatte, dass sein Untertage-Status erhalten blieb, sagte er zu und wurde fortan als Fortbildungs-Ingenieur geführt.

 

In der Fort- und Ausbildung war er Initiator zahlreicher Neuerungen. So ließ er jede Maschine, die unter Tage eingesetzt werden sollte, zunächst über Tage aufbauen und ihre Handhabung eine Woche lang trainieren, sodass die Inbetriebnahme unter Tage störungsfrei verlaufen konnte. Er entwarf Fragebögen zur Belegschaftsbefragung, die manch konstruktive Kritik und Anregung erbrachten. Er veranstaltete Hauerkurse und Lehrgänge zur Kameradschaftsführung. Mit Lehrlingen der verschiedenen Fachrichtungen besuchte er Schulen in Kamp-Lintfort und Umgebung und warb so um Verständnis für den Bergbau und Nachwuchs für die Zeche.

 

Er bildete aber nicht nur andere fort, sondern auch sich selbst, wurde Management-Methodik-Trainer für systematische Arbeitsvorbereitung und Störungsbeseitigung, erhielt nach einem Kurs in Österreich das Zertifikat eines Spezialisten für Hydraulik, war Lehrer an der Bergschule und der Bergfachschule, gehörte Prüfungsausschüssen für Berg- und Maschinenleute und Bergmechaniker an, wurde stellvertretender Ausbildungsleiter.

 

Er legte großen Wert darauf, jederzeit gut informiert und ansprechbar zu sein. So führte ihn sein erster Weg jeden Morgen in die Steigerstube, und durch die Gespräche dort war er stets auf dem neuesten Stand über die Vorkommnisse auf der Zeche. Seine Büro-Tür stand immer und jedem offen, und er lieh seine Aufmerksamkeit allen Beschwerden und Problemen, ob beruflicher oder privater Natur, die an ihn herangetragen wurden.

 

1993, im Jahr des Verbundes mit Rheinland, als er bemerken musste, dass Leute seines Alters auf der Zeche nicht mehr sehr gern gesehen wurden und Jüngere aus den Verbund-Bergwerken Nachfolge-begierig auf seinen Weggang warteten, kündigte er und nahm Abschied von „seinem“ Pütt. Verbindungen bestehen aber bis heute, und die pflegt er.

 

In den 1960-er Jahren hatte sein Vater eine Fischkuhle gepachtet, und als der Sohn nach Ende der Pacht die Angler-Hütte abreißen und das Inventar entsorgen sollte, brachte er es nicht fertig, eine Wetterlampe und einen Blitzer, die als Beleuchtung gedient hatten, wegzuwerfen. Diese beiden Lampen lösten eine Sammelleidenschaft aus, die in Jahrzehnten eine beeindruckende Sammlung unterschiedlichster Objekte entstehen ließ. Jürgen Paul sammelt alles, was irgendwie mit Bergbau zu tun hat, Bücher, Dokumente, Bilder, Spielkarten, Schnupftabakdosen, Medaillen, Anstecknadeln, Lampen, Meterlatten, Maschinenteile bis hin zu einem Förderwagen auf dem Vorplatz seines Hauses. Der interessierten Öffentlichkeit gewährte er im Sommer 2009 mit einer Ausstellung im „His-Törchen“ in Issum einen Blick auf seine vielfältigen Schätze.

 

Sein Hobby der Vogelhaltung begann vor rund vierzig Jahren, als er mit seiner Familie auf Schloss Dieprahm wohnte, damals in Zechenbesitz. Er baute die ehemaligen Hundeställe um und hielt Pfautauben, Silber- und Jagdfasane. Bald brachte man verletzte Vögel zu ihm, und so eignete er sich, fast notgedrungen, im Laufe der Zeit fundiertes Vogel-Wissen an, und sein „Vogel-Park“ wurde immer umfang- und artenreicher.

 

In seinen Volieren leben heute Dauergäste und stets wechselnde Tiere, die verletzt oder verlassen aufgefunden und zu ihm gebracht werden, damit er sie aufpäppelt. Bei unserem Besuch war das eine junge Waldohreule. Sie wurde an einem Spielplatz in der Bönninghardt entdeckt und war höchstwahrscheinlich ein Ästling, ein Jungvogel, der außerhalb des Nestes von den Elternvögeln versorgt wird. Als Jürgen Paul hinzugerufen wurde, war sie von rund zwanzig Kindern und Erwachsenen umringt und völlig verstört, so dass er sie mitnehmen und einige Tage zwangsernähren musste. Sie und andere zeitweilige Gäste werden, wenn ihr Zustand sich gebessert hat, von Karl-Heinz Peschen, Falkner und Greifvogelexperte, in die Ausgewöhnungsstation in Wesel geholt und nach einer Übergangszeit wieder ausgewildert.

 

Als Dauergäste bewohnen ein Uhu, zwei Schnee-Eulen und zwei Schleiereulen geräumige Volieren. Diese Vögel wurden Jürgen Paul von einem Vogelhalter anvertraut, als der aus Krankheitsgründen aufgeben musste. Sie alle sind mit amtlichen Papieren ausgestattet; denn die Haltung von Greifvögeln unterliegt Auflagen und bedarf der Genehmigung durch die Jagdschutzbehörde in Wesel.

 

Zu den Dauergästen zählt zudem ein Steinkauz-Pärchen, das seit fünf Jahren in jeder Brutzeit zwei bis vier Jungvögel erbrütet. Wenn die kleinen Käuze selbstständig fressen können, werden sie ebenfalls nach Wesel geholt, und Karl-Heinz Peschen trainiert mit ihnen das Jagen von Beute, so dass sie ausgewildert werden können.

 

Eulen und Käuze gehören zu den Greifvögeln. Ihre Nahrung besteht, je nach Art, aus Regenwürmern, Fröschen, großen Insekten, Mäusen, Vögeln, beim Uhu sogar aus Säugetieren bis Hasengröße. Jürgen Paul verabreicht kein Lebendfutter, sondern ernährt die Vögel mit Eintagsküken, die er gleich 2.000-Stück-weise tiefgefroren einkauft. Die Eulen erhalten gelegentlich auch Brieftauben, die von Züchtern aussortiert werden.

 

Dieses Engagement für Vögel ist sehr arbeitsintensiv. Die Volieren müssen regelmäßig gewartet und gereinigt, die Vögel täglich beobachtet und versorgt werden. Und unzählige Narben auf Jürgen Pauls Händen zeigen, wie zupackend „Greif“-Vögel sein können. Im Gegenzug bietet ihm seine Feld-, Wald- und Garten-Idylle mit vielen Vögeln innerhalb und außerhalb seiner Volieren, mit Huhn Berta und Katze Mimi Freude und Entspannung und das gute Gefühl, etwas zur Rettung und Erhaltung bedrohter Vogelarten zu tun.

 

Jürgen Paul und seine Frau sind seit 48 Jahren verheiratet. Sie haben drei Kinder und fünf Enkel. Was sagt nun die Ehefrau des Mannes, selbst Sammlerin von Schmalztöpfchen, Milchkännchen, Suppenterrinen, Apothekengefäßen und Rösler-Porzellan, der mit seinen Sammelobjekten, Archiven und Liebhabereien Haus und Garten füllt und mit deren Ordnung, Wartung und Pflege mehr als reichlich beschäftigt ist? Sie lacht liebevoll-verschmitzt: „Ich bin eben von Wahnsinn umgeben!“