Günter Hoppe Pferde

 

Die Zeit der Grubenpferde ist lange vorbei, auf Friedrich Heinrich, heute Bergwerk West, seit den frühen 1950-er Jahren. Was also hat ein Bergmann mit Pferden zu tun? Viel ― wenn er Günter Hoppe heißt. Wie es dazu kam, werden Sie gleich erfahren.

 

Günter Hoppe wurde 1936 geboren und wuchs in Kamp-Lintfort auf, als zehntes von vierzehn Kindern seiner Eltern, fünf Jungen und neun Mädchen. Noch heute leuchten seine Augen, wenn er sich an die glückliche und schöne Kindheit erinnert, die die Eltern ihren Kindern bereiteten. Er erzählt, wie sie gemeinsam gesungen haben, die Nachbarkinder kamen noch dazu, oder wie sie zu sechst zur Mutter ins Bett krabbeln durften und gebannt ihren Märchen lauschten. Der Vater war im Krieg bei der Kavallerie gewesen und arbeitete als Zimmerhauer auf Friedrich Heinrich. Er riet seinen Söhnen, ebenfalls zur Zeche zu gehen, doch nur Sohn Günter tat das sofort nach dem Ende der Schulzeit; die Brüder folgten später, nach beruflichen Umwegen.

 

1951 begann Günter Hoppe als Jungbergmann über Tage auf Friedrich Heinrich und hat diese Entscheidung keine Sekunde lang bereut. Er blickt voller Dankbarkeit auf die unvergleichliche Kameradschaft unter den Kollegen und auf die Zeche als verlässlichen Arbeitgeber, der hielt, was er versprach, der ihm die Möglichkeit gab, gutes Geld zu verdienen, und ihm die Gelegenheit vermittelte, seine Pläne und Träume in die Tat umzusetzen. Er war zunächst in der Aufbereitung beschäftigt, wurde zum Reparatur-Schlosser ausgebildet und brachte es bis zum Metallhandwerker-Vorarbeiter. 1958 heiratete er seine Frau Hannelore, und nach zwei Übergangslösungen bezogen sie eine Wohnung in der Grabenstraße, wo sie auch stolze Eltern von zwei Söhnen wurden.

 

Günter Hoppe hatte schon von Kindheit an einen Hang zu Tieren, Gartenbau und Landwirtschaft. So züchtete er von der Grabenstraße aus bei den Eltern in der Franzstraße Hähnchen zum Verkauf und pachtete am Honighuck am Fuße des Rayener Berges ein Stück Land, wo er Gemüse anbaute. Er bewarb sich bei Friedrich Heinrich um eine frei werdende Kat-Stelle, und 1968 konnte er tatsächlich sein jetziges Anwesen pachten und 1998 schließlich kaufen. Der Hof war eigentlich abbruchreif; aber mit viel Fleiß und ehernem Willen haben seine Frau und er im Laufe vieler Jahre ein Schmuckstück daraus gemacht.

 

Um die Pacht bezahlen zu können, musste eine zusätzliche Einnahmequelle gefunden werden. Günter Hoppe tat sich mit seinem Schwager Karl-Heinz Wozniczka zusammen, und von ihrem Start-Kapital von 1.000 DM ging schon ein Drittel drauf für den Trecker, einen 11-er Deutz. Zunächst hielten sie Schafe. Günter Hoppe weiß manch lustige Geschichte zu erzählen von dem Schafbock, der alle Menschen, die sich nicht höchst aufmerksam und vorsichtig in seiner Nähe verhielten, von hinten mit schmerzhaften Stößen heftig attackierte, auch ihn selbst.

 

Auf die Schafe folgten Schweine, zunächst einige Jahre lang Ferkel-Aufzucht im Auftrag einer holländischen Firma. Nach Ablauf des Vertrages stieg der Schwager aus, und Günter Hoppe verlegte sich auf Schlachtschweine. Dabei wurde er unterstützt von befreundeten Landwirten, besonders der Familie Heinrich Selders. Er baute neue Ställe für die Tiere und ersann und konstruierte allerlei technische Raffinessen vom automatischen Mist-Abtransport bis hin zu einer ausgeklügelten Ventilation. Schweine werden geschlachtet, das ist ihr Los; aber solange sie leben, sollen sie es gut haben ― das war die Maxime, nach der er sie unterbrachte, fütterte und behandelte. Darum verlud er sie oft auch selbst und brachte sie zum Schlachter, um sie keinem Stress durch fremde und ungeschickte Helfer auszusetzen. Seine Hybrid-Schweine waren von ausgezeichneter Qualität: wenig Speck, wunderbare Schinken, große Koteletts. Sie fanden reißenden Absatz beim Metzger Karl Selders in Kamp-Lintfort, bei der RAG für die betriebseigene Küche auf Niederberg und bei Privatleuten. Frau und Söhne halfen tatkräftig mit und hatten hohen Anteil am Erfolg.

 

1991 ging Günter Hoppe in Rente, und seine Frau und er beschlossen eine erneute Umstellung, und zwar auf Pensions-Pferde. Die ehemaligen Schweineställe wurden umgebaut, neue Ställe errichtet, und es zogen sechs Pferde ein. Alle waren krank. Pferde leben in der Natur draußen in Herden und brauchen viel Platz zum Laufen, und so müssen sie auch gehalten werden, nicht in Boxen in „Stunden-Ställen“, wo sie 23 Stunden stehen, um dann eine Stunde lang geritten zu werden.

 

Günter Hoppe beschritt neue Wege in der Pferde-Haltung. Nach dem Grundsatz: Tiere müssen artgerecht gehalten werden, zäunte er auf seinen sechs Hektar Grund große Koppeln ein und baute einen Gruppen-Laufstall. Von Mai bis Oktober sind die Tiere als bunt gemischte Herde draußen auf wechselnden Koppeln und fressen Gras und viele Kräuter. In den Wintermonaten sind sie in geräumigen hellen Ställen untergebracht. Vor jeder Box hängen zwei Netze mit Möhren und Rote Beten; die Heuballen kommen vom Dachboden und stehen in benötigter Mange sauber an der Wand aufgestapelt; Gerätschaften hängen griffbereit an Hakenbrettern an der Wand; alles ist praktisch durchdacht zum Wohl der Tiere und zur Arbeitserleichterung für die Menschen.

 

Heute betreut Günter Hoppe Freizeit- und Gnadenbrotpferde und ein Fohlen. Seinen Lebensunterhalt kann man damit nicht bestreiten, sagt er; aber für ihn als Rentner und seine Frau stellen die Tiere eine sinnvolle Aufgabe dar, und sie haben Freude an ihnen. Freude haben sie auch an ihrem Garten, den selbst gezogenen Tomaten, an ihren Apfel- und Nussbäumen und an den herrlichen Rosen und dem duftenden Jasmin-Strauch, der seit 42 Jahren immer verschwenderisch seine gefüllten weißen Blüten hervorbringt. Die Söhne beziehungsweise Enkelkinder werden die „Hoppe-Ranch“ weiterführen, und so wissen sie ihr Lebenswerk in guten Händen.

 

Gewiss werden sich noch viele Leserinnen und Leser an die Zechenbrücke erinnern, die hoch über dem Bergwerksgelände Ringstraße und Friedrich-Heinrich-Allee verband. Sie musste auf Grund eines alten Wegerechtes, eines Kirchweges, errichtet werden, und als die Konstruktion verrostete und nicht mehr tragfähig war, wurde sie 1986 abgerissen. Wenn Sie die alten Eichenbohlen, über die Sie oft gegangen sind, auf denen Sie gestanden haben, um in der Dunkelheit den Feuerschein beim Koksausstoß zu bewundern, wiedersehen wollen, dann fragen Sie Günter Hoppe, ob Sie ihn besuchen dürfen. In die ersten Pferdeställe und in einen Anbau des Hauses hat er die Zechenbrücken-Bohlen verbaut, und es tut gut, sie so sinnvoll verwendet zu sehen.